Warum müssen wir eigentlich in den Urlaub fahren, um die halbe Erde herum, nach dorthin, wo jetzt, wenn bei uns Tag ist, Nacht ist? Ich möchte hier nicht fragen, warum tun wir der Welt das überhaupt an, sondern, warum nehmen wir das auf uns? All die Vorbereitungen, das Reisebüro, den Computer, die Kosten, die Tickets, das Packen, die Fahrt zum Flugplatz, das Parken, das Einchecken, den Flug, das Auschecken, die Fahrt zum Hotel. Das ekelhafte Einerlei des „all inclusive“, nicht nur des Essens. Warum können wir uns nicht einfach einmal am Arsch lecken lassen und in den Urlaub gehen? Und zwar, damit es sich leichter anlässt, erst wenn der Tag sich neigt. Dann nach der Wohnungstüre, die Haustüre hinter sich ins Schloss fallen lassen und losgehen. Einfach so, den Tag gegen die Nacht tauschen, die Nacht zur Nacht machen – aber – kein Licht, kein Handy, kein Füßli, keine Fackel, keinen Hund und kein Schwert, keine Lampe für die Stirn, auch keine füpr die Hand, keine Kerze, keine Spiele, keine Geschichten, keinen Laut und kein Leise – nur das schlagende Herz, die Ströme des Atems; den Schritten lauschen, vom ersten Schritt an - das Gras, selbst den Weg noch, um Erlaubnis bitten, dass du sie betreten darfst, behutsam wie ein Indianer, dass du es nicht knickst und so auch deinen Fuß liebst, jedes einzelne seiner Knöchelchen, dass es weich sich an seine Nachbarn schmiegt und du so zum Nachtgeher wirst, den niemand hört, du selbst dich nicht, kein Anderer dich nicht. Damit du ruhig wirst bei dir und voller Stille, dass du den Wald hörst, wie er atmet, wie er sich bewegt, auch ohne Wind, dass du die Nacht hörst, das Fließen des Wassers, das Fallen des Tropfens. Kleide Dich, wie die Jäger sich kleiden, mit flüsternden Stoffen. Sei ohne Angst. Sei ohne Sorge. Fürchte dich nicht, vor der grunzenden Sau nicht und den bellenden Füchsen, vor nichts und Niemandem. Meide das Licht der Birnen. Wenn es sich nicht meiden läßt, versuche mit ihm und nicht gegen es zu gehen, damit es dich nicht blende. Gehe gegen die finsterste Finsternis am Horizont. Gehe die einsamen Wege, die unbeachteten, damit dir keine Lichtzerstecher die Augen verderben. Fürchte dich nicht. Wer sollte hier sein außer dir. Gehe vom Untergang der Sonne bis zu ihrem Aufgang. Gehe ohne Hast. Fließe aus dem Tag heraus, wie der Harn aus deinem Leib. Schau, wie die Dinge ihre Farben, ihre Umrisse, ihren Raum, wie sie dein, von dir selbst gemachtes, dir vertrautes Bild verlieren, wie sie sich vereinen mit den Dingen, die um sie herum sind, wie sich schließlich die Welt und ihre Horizonte als schwarze Wand vor dir aufbauen, wie dein Atem enger wird und wie dich schließlich doch der Mut verläßt. Wie du suchst, ihn wieder zu finden, wie du zauderst. Wie du langsamer wirst, kürzer mit deinen Schritten und fassungsloser in deinem Herzen. Jetzt zeige dich dir, vertraue auf dich, jetzt, wenn sich alles verwischt, kein Davor, kein Dahinter, kein Dazwischen. Wenn der Hund vom Wolf sich nicht mehr scheidet und wenn du fürchtest, er kommt dir nahe. Dann schau genau, wie sich die Dimensionen verändert haben: Länge, Breite, Höhe. Unser Tag ist kaum mehr noch die Fläche, kaum mehr noch die Ebene, kaum mehr noch, Länge und Breite. Unser Blick geht gerade noch manchmal nach vorne, selten noch zur Seite, kaum mehr nach hinten. Unser Blick verliert die Entfernungen, die über die Länge des Armes, den Bildschirm, das Handy hinausgehen. Die Nacht dagegen ist die Höhe, die Nacht ist der Raum, nach vorne und hinten, nach der Seite und nach oben, nach oben, nach oben. Die Nacht öffnet deinen Blick, deinen oft so eng begrenzten, verschlossenen Blick, für den unendlichen, fassungslosen, ewigen Raum – den Raum, des ins Nichts verhallenden Nichts. Die Nacht, das ist jetzt dein neues Auge. Die Nacht, das ist dein neuer Kopf im Nacken, das bist du, der voll Staunen sich um seine eigene Achse kreisende Mensch. Die Nacht, das bist du, der sich aufrichtende, aufrichtige Mensch. Der Tag, das war der sich beugende, der gebeugte Mensch. In der Nacht dagegen wächst der Mensch aus sich heraus. Der selbe Mensch, der bisher die andere Seite, jene zwölf Stunden seines Tages verloren und vergessen und verleugnet hat. Und dann, mit einem Mal, hast Du selbst alles vergessen. Die Gedanken, die dir tagsüber so wichtig erscheinen, sie sind vergessen oder ziehen vorüber, wie die Wolken am Himmel. Das Gehen, es geht sich von selbst. Das Atmen, es atmet Dich. Du denkst nicht mehr daran. Du bist ein Teil der Nacht. Deine Augen werden weit und sichtig. Da ist eine Tanne, sie ragt in den Himmel, wie der Turm einer Kathedrale. Wann hättest Du je einen Baum, mit einer solchen Höhe vor dir gesehen? Und dann, steht der Mond am Himmel. Wieso hast Du ihn nicht längst gesehen? Der Mond, der gute Mond, der so stille geht, hast du vielleicht als Kind noch gelernt und längst wieder vergessen, wie er durch die Abendwolken und das Schweigen des Waldes zieht. Und wenn du aus ihm heraustrittst – die weißen Nebel wunderbar – egreift dich eine Freiheit, ein Glück und öffnet dein Herz zu einer solchen Weite, wie du sie vielleicht noch nie erlebt hast. Und das alles nur, weil du einmal dein Haus zu einer anderen Stunde verlassen hast und in eine andere Richtung gegangen bist. Und am Morgen bist du, während die anderen auf ihren Koffern sitzen, als erster Gast in einer Backstube, trinkst eine Tasse Kaffee, isst ein kleines Hörnchen, gibst der Serviererin ein gutes Trinkgeld, schaust in die Leere und dann – ab in die Heia – kuschelst du dich in deine Träume und wenn du erwachst, schreibst du mir, was du gesehen.

die Nacht

   ANTON KIRCHMAIR                    WERK          AUSSTELLUNG          VITA          PRESSE         KONTAKT