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Foto: Ralf Weiss

Malerei in "Serienproduktion"


Gleichnis der Zeit oder symbolische Veranschaulichung eines Lebensablaufs?


Zur Zeit findet in Untergangkofen bei Landshut eine Ausstellung des Malers Anton Kirchmair statt, in der sogenannte "serielle Malerei" gezeigt wird. Was ist mit diesem Begriff gemeint, wo ist er kunsthistorisch einzuordnen und wie sind diese Bilder zu verstehen?


In der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts taucht das Prinzip der Serie sehr oft auf. Dieser Begriff bezeichnet hier meist eine Reihe von Bildern, Fotografien oder plastischen Werken, die man als Abwandlung eines Themas bzw. als Zyklus auffassen kann. Diese Werke haben entweder ein gemeinsames Kompositionsschema, wie man es etwa bei den Bildern Piet Mondrians sehen kann, oder eine inhaltliche, semantische Beziehung zueinander. Ein Beispiel dafür wären die Pop-Art-Zyklen des Amerikaners Tom Wesselmann oder auch die an Comics orientierten frühen Werke aus den sechziger Jahren von Roy Lichtenstein.


Dieses Prinzip kann auch in einzelnen Werken selbst gefunden werden, so in der Wiederholung, Häufung oder Reihung einzelner kompositorischer Elemente. Als Vorläufer einer solchen Kompositionsweise kann man die spätimpressionistischen Pointilisten (z.B. Georges Seurat) sehen, die in ihren Gemälden regelmäßig einen Farbpunkt an den anderen setzen und damit das Bild in eine strenge Gliederung bringen. Die Kubisten und vor allem Paul Klee beschäftigten sich mit dieser Art des Bildaufbaus, die bis in die heutige Zeit von Künstlern wie Andy Warhol verwendet wird.


Dieses variierende Serienprinzip läßt sich aber kaum auf die Arbeiten Kirchmairs übertragen. Auch bei ihm entstehen Reihen, besser Serien, inhaltlich sind sie jedoch gar nicht zu fassen. Es ist konkrete, ungegenständliche Malerei, ähnlich den Arbeiten des abstrakten Expressionisten Jackson Pollock.


Ein anderer Serienbegriff muß hier zur Anwendung kommen: die Serienfertigung. Kirchmair läßt eine Serie innerhalb möglichst kurzer Zeit ohne Unterbrechung der Arbeit entstehen. Seine "Produktion" ist in dem Ausstellungskatalog durch Fotos und seinen erläuternden Text dokumentiert. Sie wird somit ein Teil des gesamten Werkes und sollte bei dem Versuch einer Interpretation mit beachtet werden.


Vergleiche zur industriellen Fertigung von Produkten bieten sich hier an. Diese Analogie ergibt sich beispielsweise auch bei den Seriegraphien Andy Warhols, etwa bei seiner Reihe von Marylin-Monroe- Siebdrucken, die er in beliebiger Zahl drucken lassen kann und die damit ihre Exclusivität verlieren.

Doch auch dieser Vergleich mit der Druckgraphik kann zu keinem tieferen Verständnis der Bilderserien von Kirchmair führen, da die Produktionsweise grundsätzlich anders und nicht der Zeit unterworfen ist. Vergleichbares gibt es aber in der Volkskunst und in der Trivialkunst.

Im Bereich der Volkskunst ist da vor allem die Hinterglasmalerei zu nennen, die in einigen Gegenden Europas, so Z.B. im Schwarzwald oder im Elsaß, von einigen Familien "hausindustriell" betrieben wurde. Religiöse Themen oder auch Landschaftsdarstellungen wurden hier typisiert und in gewisser Weise serienmäßig von einer ganzen Familie produziert. Ein bekanntes Beispiel dafür ist das Dorf Raymundsreut im Bayerischen Wald. In einer Urkunde aus dem Jahr 1830 ist überliefert, daß in diesem Jahr etwa 40 000 kleine Glasmalereien meist religiösen Inhalts in diesem Dorf hergestellt wurden. Die Malereien aus solchen hausgewerblichen Werkstätten wurden fast immer arbeitsteilig geschaffen, so daß an einem Bild nicht nur der Meister, sondern auch seine Gesellen und oft auch seine Familienmitglieder beteiligt waren.

Ähnliches zeigt sich heute im Bereich der Trivialkunst, wie sie vor allem in Warenhäusern angeboten wird. Es handelt sich dabei um Ölbilder im Stil des 19. Jahrhunderts, die in ähnlicher Weise arbeitsteilig in Serie produziert werden. Meist sind es idyllische Landschaftsdarstellungen, Blumenstücke und teilweise auch Genrebilder. Serienproduktion im Bereich der Bildenden Kunst in limitierter Zeit - jedoch in Arbeitsteilung geschaffen.

Bei Anton Kirchmair gibt es keine Arbeitsteilung, aber eben diese Serienproduktion, die man aber nicht, wie die industrielle, theoretisch ins Unendliche fortsetzen könnte, weil der menschliche Körper in seiner Arbeitskraft begrenzt ist. Daraus ergibt sich pro Serie eine zahlenmäßige Grenze der Bilder. Nach Kirchmairs eigenen Angaben entsteht die Serie aus einer Art meditativer Versenkung heraus, die die Ähnlichkeit der einzelnen Bilder bewirkt. Der Arbeitsablauf wird zuvor in Gedanken oder schriftlich fixiert und geht dann in einen Automatismus der kreativen Arbeitsweise über. Eine Unterbrechung wäre undenkbar, weil dieser Arbeitsprozeß nie mehr in der gleichen Weise wiederaufgenommen werden könnte.

Die einzelne Serie an sich hat dadurch etwas Einmaliges, das einzelne Bild dagegen ordnet sich dem Ganzen unter; die Serie ist das in der Vorstellung unendlich fortführbare Ordnungsgefüge einzelner "Arbeitsepisoden".

Sind diese Serien also ein Gleichnis der Zeit an sich, eine symbolische Veranschaulichung eines in ähnliche Schritte gegliederten Lebensablaufes? Man kann sie in dieser Weise auffassen und interpretieren. Man kann sie sich aber auch ganz einfach als Spiegel der "industriellen" Arbeitsweise vorstellen, wie sie der Arbeiter in der Fabrik, die Verkäuferin im Kaufhaus, der Angestellte im Büro Tag für Tag erlebt.


Helmut Kronthaler