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GEBRAUCHSANWEISUNG: KUNST MACHEN - 20 JAHRE AKTUELLE KUNST IN LANDSHUT  - NEUE GALERIE LANDSHUT e.V.

Vor den Toren der Stadt - Anton Kirchmair


Sie fragen sich wie ein Künstler arbeitet; spielen gar mit dem Gedanken selbst einmal zu Papier und Bleistift zu greifen, sich in seinem Metier zu versuchen? Ein schwieriges Unterfangen, in der Tat. Aber vielleicht kann ich  Ihnen auf Ihrem Weg ein wenig behilflich sein und Ihnen mit dem folgenden Kurs eine Anleitung dazu geben. Wenn Sie wollen, beginnen wir. Für den Anfang brauchen Sie festen Zeichenkarton (ca. 30 x 40cm), als Unterlage kann eine ebene Holzplatte dienen, dazu Klebestreifen oder Reißnägel, Bleistifte, eine warme Wohnung, etwas Ordnung,  Aufmerksamkeit, heitere Bereitschaft, innere Sammlung und einen festen, zuversichtlichen Willen zur Bewältigung der gestellten Aufgaben. Zuerst räumen Sie Ihre Wohnung auf, so dass Sie sich richtig wohl fühlen. Wenn das zuviel verlangt ist, räumen Sie bitte wenigstens einen Teil Ihres Fußbodens frei - etwa zwei mal zwei Meter. Putzen Sie den Boden gründlich, ohne Murren wie ein buddhistischer Mönch. Gönnen Sie sich hinterher einen kleinen Spaziergang und ruhen Sie sich ein wenig aus. Anschließend befestigen Sie das Zeichenblatt auf der Unterlage und fixieren Sie diese in der Mitte Ihres Fußbodens; der späteren Orientierung halber am besten parallel zu den Wänden des Raumes und legen Sie vielleicht noch eine weiche aber flache Unterlage vor Ihren Zeichenplatz. Sie werden bald wissen warum.


Werfen Sie Ihren Radiergummi aus dem Fenster. Spitzen Sie ein paar HB Bleistifte, aber nicht zu scharf und legen sie diese neben Ihren Arbeitsplatz. Ziehen Sie bequeme Hauskleidung an - oder besser noch: ziehen Sie sie aus. Gehen Sie ein wenig durch den Raum und genießen dabei Ihre neu gewonnene Freiheit. Nun stellen Sie sich aufrecht und in aller Form vor Ihr am Boden liegendes Zeichenpapier, verbeugen sich tief und voller Respekt. Gehen Sie in Ihr Innerstes und bitten Sie Gott um seinen Beistand. Um seinen Beistand, für die Bewältigung folgender Aufgaben, die nun schon zum zweiten Teil unseres Kurses gehören. Wenden Sie sich Ihren Mitarbeitern zu und teilen ihnen die Kursbedingungen mit. Beginnen Sie mit Ihren Armen und Händen. Lassen Sie sie spüren, dass Sie heute auf andere Weise ihrer Hilfe bedürfen als sonst. Bedeuten Sie ihnen, dass sie sich ein Beispiel an ihrem Geschwisterpaar den Beinen und Füßen nehmen sollen und dass sie heute gleich diesen für die statischen Voraussetzungen und Grundlagen Ihrer Arbeit benötigt werden.


Übermitteln Sie Ihnen per Zeichensprache in aller Nachdrücklichkeit, dass sie auch ihre neugierigen Finger nicht, wie sonst üblich, ins Spiel bringen dürfen. Ihre Finger, die sonst so gerne alles an sich nehmen und in Händen halten wollen, dürfen heute nichts berühren, nie und nimmer nicht und auch nicht nur ein bisschen.Sie dürfen nichts berühren, außer den Boden, denn sie haben heute, wie die Füße auch, für Ihren nötigen Halt und Stand zu sorgen.

Blicken Sie sich nun in die Augen, lächeln Sie ihnen zu und ermuntern sie zwinkernd zu einem kleinen Zwiegespräch. In diesem Kurs werden sie nicht den nötigen Abstand zu den Dingen und den sonst üblichen Blickwinkel auf die Dinge haben. Aber das ist vielleicht auch einmal ganz gut so. Sie sollen sich ruhig ein wenig entspannen und zurückziehen in die Tiefen ihrer Höhlen. Nun wenden wir uns dem wohl unbekanntesten Ihrer heutigen Mitarbeiter zu, Ihrem inneren Auge. Mit ihm hatten Sie vielleicht noch nie bewusst zu tun. Es steht Ihnen aber dennoch zur Seite, besser: zur Mitte und wohnt, wenn man alten Erzählungen glauben darf, zwischen ihren eigentlichen, anatomischen Augen, ein klein wenig höher als die Nasenwurzel, am unteren Rand der Stirn. Vielleicht fassen Sie einmal kurz dorthin und versuchen die Verspannungen in seinem Bereich ein wenig zu lösen. Glätten Sie die Wulste durch kreisende, sanfte Massagen mit den Fingerkuppen. Sie werden merken, wie gut Ihnen das tut. Lächeln Sie Ihrem inneren Auge freundlich zu und geben Sie ihm Gelegenheit selbst zu lächeln, zurückzulächeln.


Die nächste Aufgabe dürfte wieder wesentlich leichter zu bewerkstelligen sein. Sagen Sie Ihrem Mund, dass er heute Ihr Partner für eine völlig neue und ungewöhnliche Aufgabe sein wird. Bitten Sie Ihn, gemeinsam mit Zähnen und Zunge um den nötigen Biss und elastischen Halt an geeigneter Stelle und zu gegebenem Anlass. Mehr braucht er, Ihr Mund der Redselige, vorerst nicht zu wissen, damit sich die Sache, die sich doch bisher ganz gut angelassen hat, nicht in Geschwätzigkeit verliert. Er wird dann, wenn es soweit ist, schon das Richtige zu tun wissen.


Nun haben Sie selbst schon eine ganze Menge getan. Vielleicht ist es gut, jetzt nach Abschluss der zweiten Phase noch einmal kurz durch ihr Innerstes zu gehen. Im Geiste noch einmal ihren Partnern und Ihnen selbst aufmunternd zuzunicken, denn jetzt geht es an die Arbeit und da werden Sie alle zusammen eine ganze Menge Kraft und Mut benötigen.


Knien Sie sich vor Ihrem Blatt auf den Boden. Geht es? Gut, dass wir die Decke vorbereitet haben - nicht? Jetzt allerdings wird es echt schwierig! Nehmen Sie nun, ohne die Hände als Greifhilfen zu benutzen, einen Bleistift in den Mund und bringen sie ihn in die richtige Position, in Zeichenposition. Nein, nicht mit den Händen. Nicht mit den Händen. Das muss Ihr Mund schon alleine schaffen. Erinnern Sie sich noch an den Geschmack des Bleistifts? Schmeckt wie damals in den ersten Schultagen. Was meinen Sie, sind der Haltewinkel und die Länge des Stifts brauchbar? Das muss schon alles stimmen, sonst bekommen Sie Probleme. Wenn Sie soweit sind und alles passt, atmen Sie noch einmal ruhig durch, ganz tief hinunter in den Unterbauch und wieder hinaus in die Welt.

Jetzt beugen Sie sich voller Hingabe über Ihr Blatt, hinunter auf Ihre Hände, auf Ihre Unterarme und Ellenbogen. Das ist ein Kurs - was? Wie eine Katze auf allen Vieren kauern sie über dem Papier. Wie eine Katze die eine Maus gefangen hat und sich nun nach allerhand Spielchen ans Fressen macht. Das ist unsere Kurshaltung. Das ist Ihre Kurshaltung -  ja, wackeln Sie ruhig ein wenig mit dem Hintern und krümmen Sie ein paar Mal Ihren Rücken - wie eine Katze - weich und elastisch!


Jetzt endlich können wir mit der  Arbeit beginnen. Damit es aber nicht zu viel wird für den Anfang, genügt es, wenn Sie vorerst ein paar Sätze schreiben. Schreiben Sie, mit dem Stift in Ihrem Mund auf das Papier. Sagen Sie mir jetzt nicht, dass das nicht ginge. Reden Sie sich nicht heraus und machen Sie mir nichts vor. Denken Sie an die Katze. Geben Sie sich Mühe und seien Sie geduldig. Nehmen Sie die Regel an. Machen Sie sie zu Ihrer Regel: Ich zeichne mit dem Mund. Ja das ist die Regel für unseren Kurs. Sie zeichnen mit dem Mund. Nicht gleich eine Katze, nein, das wäre zuviel verlangt für den Anfang Beginnen wir erst mit etwas harmlosen. Schreiben Sie z.B. auf wie Sie sich jetzt fühlen. Schreiben Sie dann darüber, wie Sie mit der vertrackten Situation in Ihrer tierischen Lage fertig werden wollen. Und schreiben Sie darüber, wie Sie Ihrem Ziel näher kommen wollen. Sie haben mittlerweile sicher schon erkannt, dass es in Ihrem Kurs auf selbständiges Handeln ankommt.


Beginnen Sie also mit Ihrer Arbeit. Beginnen Sie zu schreiben. Auf allen Vieren mit einem sechskantigen Bleistift im Mund. Schreiben Sie. Achten Sie dabei auf jeden einzelnen Buchstaben, auf den Abstand zu den nächsten Buchstaben. Achten Sie auf jedes Wort und auf den Abstand zum nächsten Wort. Achten Sie auf jeden Satz und seine Nähe zum nächsten Satz. Achten Sie auf die äußere Form Ihres Arbeit und bedenken Sie den Sinn ihrer Worte. Stellen Sie sie in einen syntaktischen Zusammenhang, geben Sie ihnen Wärme, Ernst und Tiefe und vergessen Sie die Farben nicht. Denn Ihr Schreiben ist für die Einwanderungsbehörde (das Goldene Buch) einer Goldenen Stadt bestimmt, vor deren Toren Sie, wie ein Tier kauernd, um Einlass bitten. 


Nun preisen Ihre Linien, aus Beweis für die Lauterkeit ihres Erzeugers, diese Stadt. Diese Stadt der gedrechselten Türme und glänzenden Dächer. Diese Stadt der prächtig gegliederten Paläste und vornehm gesäumten Alleen. Sie huldigen den Damen der besten Gesellschaft und parlieren mit den Herren der wissenschaftlichen Foren. Sie tauchen hinab mit sattem Schwarz und beschmutzem Grau ihres speichelbenetzten Halters in den modernden Schlick der verwinkelten Gassen, huschen mit flüchtigen Fahrern hinter streunenden Katzen her, um sich verirrt im zerschlissenen Plüsch zweifelhafter Etablissement wiederzufinden. Und wenn sie sich denn je wieder daraus befreien können, ergehen sie sich in sonnenwarmen Gärten über fruchtbaren Hügeln. Sie senden ihre Gebetsspuren aus den vergoldeten Tempeln zu den funkelnden Gestirnen und dem allerhöchsten und einzigen Gott und bitten ihn um Einlass, um Einlass in die Stadt, in der alle Menschen so zeichnen wie Sie - mit dem Mund (und mit dem Herzen), womit sonst?