Dingolfing. (gm)	Im Bruckstadel gab es am Montagabend einen besonderen Gast, den Münchner Anton Kirchmair, seines Zeichens Bildhauer, Zeichner, Sänger und Erzähler, der im niederbayerischen Raum zuweilen auftritt und seine Zuhörer an seiner Kindheit und Jugend in der Nachkriegszeit teilhaben lässt. Der Abend mit Musik und Geschichten ging auf die Initiative von bücherladen und kulturini zurück, der knapp 60 Gäste folgten, sodass der Saal gut gefüllt war.
Hartmut Heder vom bücherladen begrüßte die Besucher und stellte den Vortragenden in wenigen Sätzen vor.
Vom Leben nach dem Krieg in den Straßen Münchens begann A. Kirchmair zu erzählen, mit kräftiger, ausdrucksvoller Stimme, die die Zuhörer sogleich in den zog. Von der Freiheit der damaligen Kindheit möchte er erzählen, und singen wolle er vom Tod, der zum November gehört, sagte er eingangs. Und er hob an, Verse vom Tod im Lied vorzutragen, in eindringlichen, schlichten Zeilen, wie sie der Volksmund überliefert. Dann war die Rede von zerberstenden Häusern, von Fliegeralarm und dem Detonieren der Bomben, diese Schrecken waren die dunklen Fenster seiner Kindheit, die hellen Punkte bestanden in den Liedern und Gedichten, die der Vater am Abend der Familie vorsang. Dann ging es wieder hinunter in den Bunker, in die Zellen der Angst in den Bombennächten, dazwischen schrie der größere Bruder einmal „Hurra, hurra, die Schule brennt“.
Die Kinder wurden aufs Land geschickt, somit wurde ihnen fast zwei Jahre lang großer Frieden, mitten im Krieg, geschenkt. Später wehten die weißen Tücher auf den Dächern und mit ihnen kam das Kriegsende 1945. Ausdrucksvoll und in sinnlichen Worten erzählte Anton Kirchmair, er sprach, mit dem Manuskript in der Hand nahezu frei, die Blätter flatterten nach und nach auf den Boden. 

Den Zuhörern erzähle er anschaulich von den Tieren, den Kühen und Hühner, den Sauen und den Bienen, die ihm den Kopf zerstachen. Das alles gehörte zu den Freiheiten und Schönheiten einer friedlichen Kindheit, betonte er. Auch Gebete gehörten dazu, obwohl zwei Söhne im Feld geblieben sind, der dritte in den Weiten Sibiriens verschwunden war. Die Abende auf der Bank vor dem Haus sind dem Erzähler in Erinnerung, die Füße steckten in der Schüssel mit warmem Wasser.
Dann wieder zurück in München, wo die Kinder Zigarettenkippen, Lumpen, Papier, alles sammelten und Pfennigbeträge dafür erhielten, während der Vater für die  Nachbarn alte Töpfe und Pfannen reparierte. Noch heute erregen die alten Häuser in der Vorstadt die Bewunderung des Redners, die um 1900 für die Zuzügler vom Land errichtet worden waren, und in denen die Familie wohnte, weil das eigene Haus zerstört war.
Dann kamen die Söhne der Münchner aus Russland zurück, sie warteten täglich vor den Toren des Schlachthofs auf Arbeit.
Spielen war der Zeitvertreib für die Kinder. Am Handlauf einer Treppe sausten sie vom 4. Stock hinunter, in schnellem Tempo und nahmen mit Schwung die Kurven. Von den Brücken stürzten sie sich in die Flüsse, tauchten wieder auf und liefen nach Hause, wo am Abend der Vater auf der Zither spielte und sang. Kinderfreuden, die bis heute unvergessen geblieben sind.
Auch die früheste Erinnerung an die Großmutter fand Raum in den Erzählungen Anton Kirchmairs. Stocktaub war sie und lag als dunkler Geist auf den Kissenbergen. In düsteren, traurigen Worten wurde im Rückblick ihr Leben vor dem Ersten Weltkrieg gewürdigt.
Am Sonntag kamen die Musikanten, mit Holzbeinen, Krücken und Augenklappen, in der Hand eine Geige. Ein junges Mädchen sang, und Anton Kirchmair ließ seine Besucher ein paar Verse der alten Lieder hören. Noch einmal redete er von den Spielen der Kinder, vom Spiel Tratzball zum Beispiel. Mit einem Ball ohne Luft, aber das machte nichts. Heute, so sagt Anton Kirchmair, sitzen die Kinder in der Kita, in der Schule oder auch beim Psychologen. Ihr Leben sei durchgetaktet, und niemand könne sich mehr vorstellen, wie wenig man braucht, um erwachsen zu werden. Wärme und Nähe, unendlich viel freie Zeit sind in seinen Augen die Merkmale der Kindheit, wie er sie erlebt hat. Als Abschluss seiner bewegenden Beschreibungen sang der Erzähler mit den Zuhörern ein bayerisches Lied, er sagte den Strophentext vor, griff zur Gitarre und sang. Und alle machten voller Freude mit. Anton Kirchmair gelang es, seinen Zuhörern seine Nachkriegskindheit in farbigen, poetischen Bildern nachdrücklich vor Augen zu führen. Großer Beifall begleitete ihn.

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Dingolfinger Anzeiger vom 29.November 2017 – Geschichten einer Kindheit in Bayern – Anton Kirchmairs Schilderungen – aus der Zeit im Nachkriegsdeutschland
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