2008    „a Cennino Cennini“    Foto: Stefan Hanke

Kohle


Anton Kirchmair stellt hier seine eigenen Holzkohlen aus, an die er freilich andere Bedingungen stellt als einst Cennini an die seinen. „Weidenstäbchen“ empfahl dieser, um sein Ziel einer satten, tief schwarzen, weichen Malerei zu erreichen. Was er wollte, war nicht das Stäbchen, sondern das reinste, beste, samtigste Schwarz.

Kirchmair hat andere Absichten. Er löst seine Holzkohlen aus ihrer dienenden Funktion, nur Farbgeber zu sein. Und lässt ihnen ein Eigenleben, lässt sie selber handeln. Bewegung kommt bei ihm aus den Mitteln selbst.


Wenn wir den glänzenden Stäben folgen, die Kirchmair hier auf Augenhöhe präsentiert, dann kann sich unsere Phantasie hindurchhangeln, kann den schlanken, schwarzen Trägern nachstreben, kann sich hinaufschwingen, hinüberschreiten und an ihnen wieder hinuntergleiten, das Auf und Ab ihrer jedes Mal neu verknüpften Verbindungen nachvollziehen: Sie kann ihnen folgen, wie sie gestelzt und aufrecht stehen und sich gegenseitig lehnend und strebend in die Höhe stützen, und wie sie andererseits sich aneinanderschmiegen, Knäuel bilden, manche wie gestürzt am Boden liegen und andere, oft in Schieflage, als fragile Konglomerate lagern. Manche füllen den Raum bis an die Glasscheiben, andere ziehen sich weit zurück und machen der Leere Platz.


Bewegung ist kein lauter Aktionismus bei Kirchmair und heute längst nicht mehr so ungestüm wie bei seinen frühen Projekten der achtziger Jahre. Bewegung finden wir in seinen Objekten und in seinen Zeichnungen gleichermaßen. Doch ist sie vielmehr ein Tasten, wie er selbst es einmal formuliert hat: ein vorsichtiges Tasten wie hinaus auf brüchiges Eis. Ein sacht spürender Versuch, die Linie weiter vorzuschieben, im freien Rhythmus sich entwickeln zu lassen. Linien - gezeichnet auf Papier ebenso wie als schwarze Kohlestäbe im Raum - sind bei Kirchmair immer das Ergebnis einer Interaktion zwischen dem Künstler und seinem Material.








Kohle, wie Kirchmair sie verwendet, teilt ihre eigene Wachstumsgeschichte mit. Wenn sie sich beim Verkohlen dreht und biegt, so ist das ihre eigene Sprache, und auch noch in

der Zeichnung zeugen die brüchigen Stangen von ihrem Selbst: Ihre Jahresringe bleiben als Härten im breiten Strich erhalten, Jahresringe, die jedes Stück Zeichenmittel zu einer individuellen Persönlichkeit machen. 

Die Kunst sei der Natur ähnlich, meinte auch der andere große Überlieferer der Renaissancekunst, Giorgio Vasari: Mit ihr, der Natur, habe die Kunst den Zyklus von Geborenwerden, Wachsen, Altern und Sterben gemeinsam.


Der Fülle von Kompositionen der Renaissance, von Bildern, in die man seit Cennini das ganze Universum hineinzwängt, setzt Kirchmair verkohltes Holz entgegen, das sich im leeren Glaskasten wie im Schneewittchensarg um die eigene Achse dreht. Holz, erst gewachsen und dann – als solches – zerstört. Reduziert auf den reinen Kohlenstoff und ein wenig mineralische Asche, andererseits praktisch unverrottbar. Die Holzstruktur konserviert für Jahrtausende in einem ambivalenten, einem Zwischenzustand. Und man kann sich angesichts dieser leeren, gläsernen Würfel mit ihren schwarzen Kohlenstoffgerippen, mit Sartre getrost die alte metaphysische Frage stellen, warum es überhaupt etwas gibt und nicht vielmehr nichts?

1Artikel_-_2008_-_Eroffnungsrede_-_A_Cennino_Cennini_-_Humpeneder_-_1.html

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3Artikel_-_2008_-_Eroffnungsrede_-_A_Cennino_Cennini_-_Humpeneder_-_3.html

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