Passauer Neue Presse 2005
Anton Kirchmair
„Malerische Verschattung“ am Ende der Welt
Schön ist es hier am Ende der Welt , wo der Weg aufhört , sich verläuft an der grünen Grenze zum Böhmerwald , da, wo man gar nicht mehr weiter vordringen kann zum Herzen der Natur. Aufstrebend, ein wenig sakral , gleichwohl kühl und nüchtern geschnitten sind die Fenster , aus denen man von Anton Kirchmairs Atelier Segmente dieser Unendlichkeit erblickt: verschneite Nadelbäume am Fuße runder weißer Hügel, dahinter dunkelgrüne Wälder, viel Himmel und die ganze Zeit schneit es auf das zweihundert Jahre alte Bauernhaus. , in dem der Maler, Zeichner und Grafiker seit sechs Jahren arbeitet, lebt - zusammen mit Martha Riegl , seiner Lebensgefährtin, die das Brot selber backt , nicht nostalgisch oder ökologisch motiviert, sondern vielmehr aus pragmatischen Erwägungen, weil man so weit fahren muss von ihrer Einöde fernab Haidmühle bis zum nächsten –„guten“ – Brot.
Wenn auch die beiden sich nicht vom Brot allein ernähren, so ist ihnen dennoch dessen Qualität wichtig ; und daher mag man vielleicht eine Korrelation sehen zwischen der Bedeutung, die Kirchmair jenem Nahrungsmittel beimisst , welches den Menschen von alters her bis heute als reduziertes Synonym fürs Überleben galt , und der Qualität der Kargheit, die der Maler, Zeichner und Grafiker mit seinen künstlerischen Arbeiten intendiert.. Erst dann genügen die Werke dem eigenen Anspruch , wenn er sie auf das Notwendigste, das „Leichteste“ reduziert weiß, nachdem er zuvor alles Verschnörkelte, Opulente in die Schranken wies. Dabei versäumt der 62jährige verbal keineswegs darauf zu verweisen, dass seine Zeichnungen „sinnlich“ seien ; er der sinnenfrohe Mensch ,in München geboren, im Schlachthofviertel, einst Werkzeugmacher, der später zur See fuhr, der wandert und bergsteigt und mit Inbrunst zur Gitarre singt; der stolz ist auf und dankbar für seine schöpferische Zeit bei Rudolf Seitz, dem späteren Münchner Akademie-Direktor, der ihm „so viele Möglichkeiten“ aufzeigte .
Nach dem Krieg war der Vater mit ihm, dem Buben Anton, durchs zerbombte München gefahren, hatte auf der Ludwigstraße rübergezeigt ,gesagt :„Das ist die Universität!“ und es hatte geklungen wie „Das ist der Sitz der Götter“. - Erst mit fünfundzwanzig kam Kirchmair zur Malerei, entwickelte eine große Liebe zur Literatur, machte auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur, wurde Kunsterzieher an einer Münchner Realschule, später lebte er in Landshut, seit zehn Jahren arbeitet er als Freischaffender Künstler.
Ob die Natur seines Paradieses am Ende der Welt motivisch einfließt in seine Arbeiten? Das ist ihm aber denn wohl zu naiv, zu sehr Klischee, denn zu allgegenwärtig , lebenswichtig , zu selbstverständlich ist sie ihm, als dass sie ihm in ihrer Unmittelbarkeit Bild werden könnte. Doch obgleich die Bilder selbst nicht gegenständlich sind, „verweisen sie auf Gegenständliches, sie kommen aus der Bewegung heraus, aus meiner Körperstruktur“, so Kirchmair, der niemals „draußen“ zeichnet, dem „hinterher erst die Assoziationsfelder: Wasser, Berge...“ aus den Motiven erwachsen.
Einst schuf er auch Skulpturen, damals schon feinstes Sperrholz; malte Aquarelle, - heute indes fast nur noch Bleistiftzeichnungen, Radierungen. Denn das Leichte, das Allerleichteste - „nicht als Erleichterung“, sondern als Qualität- ist ihm oberste Priorität – mit dem Ziel der reinen Linienzeichnung .
Kirchmair präsentiert ausnahmslos gegenstandslose Arbeiten, Bleistiftzeichnungen, Radierungen. Übereinander, nebeneinander gehängt , erfreuen sie mit ihrer filigranen, ätherischen Aura das Auge des Besuchers, schmücken – für die Dauer der Ausstellung - die Wände des lichtdurchfluteten , außerordentlich ordentlichen Ateliers .
Und das „kleine“ Atelier ist dem Künstler „die Seele “, während er als „das Fleisch“ die Werkstatt empfindet, die er „drum herum gebaut“ hat „um die Tiefdruckpresse“ , von denen es nur ganz wenige gibt auf der Welt und die er nach der Wende irgendwo in Neubrandenburg aufgestöbert hat. Hier entstehen die Litographien. „Die Tiefdrucke kann ich großformatig auf die Presse drucken“; während er bei der Kaltnadelradierung die „malerische Verschattung, die Weichheit der Linie“ liebt . Die Zeichnung, deren „Materialität im nichtfeststellbaren Graubereich“ liege, ist ihm die leichteste Form „alles Künstlerischen , aller bildnerischen Medien“. Möglicherweise möchte er durch die Modalität seiner Kunst ein Zeichen setzen, denn „unsere Welt ist gegenständlich vollgestellt“ mit den Attributen des „besser, größer, stärker, höher, weiter“. Und „je älter ich werde, umso mehr versuche ich, den Geist der Schwere abzustreifen“ , jene Haltung, die Nietzsche im Zarathustra gegeißelt habe – diese unerträgliche Koketterie „mit der vermeintlichen Last der Welt auf den Schultern der Menschen, die ihren Kindern einen Haufen Sperrmüll hinterlassen“.
Marita Pletter